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Nachhaltigkeitskompetenz nach der CSRD-Welle: Was eine Hamburger Studie zeigt

Autorenbild: Claus Fesel
Claus Fesel
vor 5 Tagen
5 Min. Lesezeit
Bulletinboard mit Stellenanzeigen

Mit dem Omnibus ist für die allermeisten Mittelständler die Pflicht zum CSRD-Bericht weggefallen. Damit stellt sich eine Frage, die ich für unterschätzt halte: Was passiert mit den Menschen und dem Wissen, die Unternehmen in den vergangenen Jahren dafür aufgebaut haben?


Wie groß dieser Aufbau war, lässt sich jetzt mit Daten nachzeichnen. Finn Arnd Wendland von der Universität Hamburg hat im Journal of Business Economics eine Studie veröffentlicht, die genau hinschaut: Wie haben Unternehmen in Deutschland personell auf die Einführung der CSRD reagiert? Die Studie ist 2026 erschienen und frei zugänglich. Ich greife sie hier auf, weil sie zwei Dinge zeigt, die für die Zeit nach dem Omnibus wichtig sind: wie stark Unternehmen investiert haben, und vor allem, welche Art von Kompetenz sie gesucht haben.



Wie die Studie gemessen hat

Wendland hat Stellenanzeigen ausgewertet, nicht Einstellungen. Grundlage sind die Volltexte von über sieben Millionen Online-Stellenanzeigen in Deutschland aus den Jahren 2018 bis 2023, bereitgestellt vom Datenanbieter Textkernel. Diese hat er mit Finanzdaten aus dem Handelsregister verknüpft. Übrig blieben 1.657 große Unternehmen mit rund 1,3 Millionen Stellenanzeigen.


Als Stelle mit Bezug zur Nachhaltigkeitsberichterstattung zählte eine Anzeige, wenn sie bestimmte Begriffe enthielt, etwa „Nachhaltigkeitsbericht“, „Wesentlichkeitsanalyse“, „Klimabilanz“, „CSRD“, „ESRS“, „GRI“ oder „DNK“. Insgesamt waren das 2.583 Anzeigen.

Verglichen hat er zwei Gruppen: Unternehmen, die unter die erste Welle der CSRD fielen, und vergleichbar große Unternehmen ohne diese Pflicht. Als Stichtag diente der 21. April 2021, an dem die EU-Kommission den CSRD-Vorschlag vorgelegt hat. Mit Gegenproben für die Jahre 2020 und 2022 hat er geprüft, ob der Effekt wirklich an diesem Datum hängt. Er tut es.


Was die Zahlen zeigen

Befund

Ergebnis der Studie

Entwicklung über die Zeit

Anzeigen mit Berichterstattungsbezug in der Stichprobe: 175 (2018), 227 (2020), 551 (2021), 802 (2023)

Effekt der CSRD

Berichtspflichtige Unternehmen schrieben nach April 2021 signifikant mehr solcher Stellen aus als die Vergleichsgruppe, und zwar in jedem Folgejahr stärker

Realwirtschaft

Stärkste Reaktion bei Unternehmen außerhalb der Finanzbranche

Finanzbranche

Kein signifikanter Effekt

Beratung und Prüfung

Signifikanter Effekt; nach Deutung des Autors suchten hier auch Unternehmen ohne eigene Berichtspflicht verstärkt Personal

Freiwillige Vorreiter

Unternehmen, die sich vorher freiwillig verpflichtet hatten, reagierten deutlich stärker; einzeln messbar vor allem beim UN Global Compact

Branchen

38 % der Anzeigen kamen aus dem verarbeitenden Gewerbe, 31 % aus freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen

Quelle: Wendland (2026), Journal of Business Economics, eigene Zusammenstellung


Ein Detail ist mir als DNK-Lotse aufgefallen: Für Unternehmen mit einer Erklärung zum Deutschen Nachhaltigkeitskodex zeigt die Studie diesen Verstärkungseffekt nicht. Warum, lässt die Studie offen.


Die Studie ordnet sich in eine Debatte ein, die viele aus der Praxis kennen. Sie zitiert den Sustainability Transformation Monitor 2024 der Peer School for Sustainable Developement: Dort gaben 65 Prozent der Unternehmen, die erstmals nach CSRD berichten sollten, an, dafür mindestens zwei zusätzliche Vollzeitstellen zu brauchen. 16 Prozent rechneten mit mindestens vier.


Von der Kommunikation in die Steuerung

Den spannendsten Befund hat Wendland in den Anhang gepackt. Er hat ausgewertet, welche Berufsgruppen in den Anzeigen gesucht wurden, und dabei verschiebt sich zwischen 2018 und 2023 einiges.

Der Anteil von Fachleuten, die Abläufe und Programme auf ihre Übereinstimmung mit Richtlinien prüfen und auswerten, stieg von 2,3 auf 21,2 Prozent aller Anzeigen mit Berichterstattungsbezug.


Auch Buchhalterinnen und Buchhalter wurden häufiger gesucht, ihr Anteil stieg von 1,0 auf 3,3 Prozent. Marketing-Profile gingen dagegen von 2,6 auf 1,9 Prozent zurück, PR-Profile von 0,9 auf 0,2 Prozent.


Wendland deutet das so: Nachhaltigkeitsberichterstattung wird immer weniger zu einem Thema der Außenkommunikation und immer mehr zu einem Thema des internen Umweltmonitorings und Managements. Zugleich verweist er auf frühere Forschung, nach der das Rechnungswesen in der Nachhaltigkeitsberichterstattung trotz seiner zentralen Rolle in der Finanzberichterstattung lange unterrepräsentiert war.


Für mich ist das die eigentliche Nachricht. Seit Jahren sage ich, dass Nachhaltigkeit Teil der Unternehmenssteuerung werden muss und kein Kommunikationsprojekt bleiben darf. Die Stellenanzeigen deuten darauf hin, dass große Unternehmen diesen Weg tatsächlich eingeschlagen haben.


Was die Studie nicht zeigt

So aufschlussreich die Daten sind, sie haben Grenzen, und die sollte man kennen, bevor man Schlüsse zieht. Wendland benennt die meisten selbst:

  • Ausschreibungen sind keine Einstellungen. Gemessen wurde, wie viele Stellen Unternehmen suchten, nicht, wie viele sie besetzt haben.

  • Nur große Unternehmen. Kleine und mittlere Unternehmen sind nicht Teil der Analyse.

  • Die Daten enden 2023. Der Omnibus und seine Folgen kommen in der Studie noch nicht vor.

  • Stichwortsuche hat Unschärfen. Manche passende Stellen werden übersehen, manche unpassenden mitgezählt. Der Autor hat das mit Stichproben und statistischen Verfahren eingegrenzt, ganz ausschließen lässt es sich nicht.

  • Andere Wege bleiben unsichtbar. Weiterbildung, Software oder externe Beratung tauchen in Stellenanzeigen nicht auf.

Wendland weist außerdem ausdrücklich darauf hin, dass Einstellen für kleinere Unternehmen mit begrenzten Mitteln oft keine realistische Option ist.


Nach dem Omnibus: meine Einordnung

Mit der Richtlinie (EU) 2026/470, dem Omnibus I, gilt die CSRD künftig nur noch für Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und mehr als 450 Mio. Euro Nettoumsatz. Die Richtlinie ist im März 2026 in Kraft getreten, die Mitgliedstaaten müssen sie bis 19. März 2027 umsetzen. Viele Unternehmen, die sich in den Jahren davor vorbereitet haben, fallen damit aus der Pflicht.


Meine Einschätzung: Das Wissen, das sie aufgebaut haben, wird dadurch nicht wertlos. Es wird an anderer Stelle gebraucht. Seit dem 27. September 2026 müssen Umweltaussagen gegenüber Verbrauchern nach den neuen UWG-Regeln aus der EmpCo-Richtlinie belegbar sein. Großkunden fragen weiterhin Daten aus der Lieferkette ab. Und wer Nachhaltigkeit steuern will, braucht Kennzahlen, nicht nur Texte.


Genau die Kompetenzen, die laut Studie zuletzt gefragt waren, also Analyse, Abgleich mit Vorgaben und Nähe zum Rechnungswesen, sind dafür die richtigen. Die Gefahr sehe ich eher darin, dass Unternehmen mit dem Wegfall der Pflicht auch das Wissen abbauen und in ein paar Jahren wieder bei null anfangen.


Nachhaltigkeitskompetenz halten: vier Lehren für den Mittelstand

Aus der Studie und der Literatur, auf die sie sich stützt, lassen sich für kleinere Unternehmen vier Gedanken ableiten.


1. Dort verankern, wo gesteuert wird. Die Verschiebung weg von Marketing und PR hin zu Analyse und Rechnungswesen ist ein Hinweis darauf, wo das Thema hingehört. Wer Nachhaltigkeitsdaten im Controlling oder Rechnungswesen andockt, macht sie belastbar.

2. Einstellen allein reicht nicht. Wendland zitiert Forschung, nach der neue Mitarbeitende wenig bewirken, wenn ihnen die Befugnis fehlt, ihr Wissen weiterzugeben, oder wenn sie auf Widerstand im Team stoßen. Neue Kompetenz braucht Rückendeckung von der Geschäftsführung.

3. Es gibt mehr als einen Weg. Weiterbildung bestehender Mitarbeitender, passende Software und externe Beratung nennt die Studie als Alternativen zur Einstellung. Für viele Mittelständler sind sie realistischer als neue Stellen.

4. Wer früh anfängt, ist anpassungsfähiger. Freiwillig engagierte Unternehmen reagierten in der Studie stärker auf neue Anforderungen. Der Autor erklärt das mit höherem Bewusstsein und größerer Anpassungsfähigkeit. Freiwilliges Engagement ist also keine verlorene Mühe, wenn die Pflicht wegfällt.


Fünf Fragen für den Selbstcheck

  1. Wo sitzt die Verantwortung für Nachhaltigkeitsdaten bei uns: in der Kommunikation, im Controlling oder irgendwo dazwischen?

  2. Welches Wissen haben wir in den letzten Jahren für die CSRD aufgebaut, und wer hält es heute?

  3. Welche unserer Umweltaussagen könnten wir mit eigenen Daten belegen?

  4. Wie gut sind wir auf Datenanfragen von Großkunden vorbereitet?

  5. Was müssten wir neu aufbauen, wenn die Anforderungen in drei Jahren wieder steigen?


Zum Weiterlesen

FAQ

Haben Unternehmen wegen der CSRD mehr Personal gesucht? Ja. Laut einer Studie der Universität Hamburg schrieben berichtspflichtige große Unternehmen in Deutschland nach dem CSRD-Vorschlag im April 2021 signifikant mehr Stellen mit Bezug zur Nachhaltigkeitsberichterstattung aus als vergleichbare Unternehmen ohne Pflicht. Der Effekt wurde bis 2023 jedes Jahr stärker.

Welche Profile werden für Nachhaltigkeitsberichterstattung gesucht? Zwischen 2018 und 2023 stieg vor allem der Anteil von Fachleuten für Analyse und Richtlinienabgleich sowie von Buchhalterinnen und Buchhaltern. Marketing- und PR-Profile verloren an Gewicht. Der Autor sieht darin eine Verschiebung von der Außenkommunikation zum internen Management.

Brauchen Mittelständler nach dem Omnibus noch Nachhaltigkeitskompetenz? Die CSRD-Pflicht gilt künftig nur noch für Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und über 450 Mio. Euro Nettoumsatz. Nachhaltigkeitsdaten bleiben aber gefragt, etwa für belegbare Umweltaussagen nach den seit 27. September 2026 geltenden UWG-Regeln und für Datenanfragen von Großkunden.

 
 
 

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