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Bibliodiversität: Was das Sterben der Buchhandlungen uns über Vielfalt lehrt

Autorenbild: Claus Fesel
Claus Fesel
vor 5 Tagen
5 Min. Lesezeit
Bäume & Bücher

Ich bin kein Literaturkritiker und schreibe hier auch keinen Verlagsreport. Ich bin jemand, der seine Bücher am liebsten bei einer kleinen Buchhandlung um die Ecke bestellt, und der beruflich seit Jahren über Vielfalt, Resilienz und Kipppunkte nachdenkt, nur meistens in Lieferketten statt in Regalen. Deshalb habe ich einen großartigenText der Süddeutschen Zeitung ("Liest bald niemand mehr Bücher?", Marie Schmidt, 1. Oktober 2026) in einem Zug gelesen, und einen neuen Begriff gelernt (auch wenn er schon alt ist): Bibliodiversität.


Bibliodiversität - Ein Begriff, der absichtlich an Biodiversität erinnert

Schon in den Neunzigerjahren haben chilenische Verlegerinnen und Verleger den Begriff geprägt, in bewusster Analogie zur Biodiversität. Die Kurt-Wolff-Stiftung, der deutsche Interessenverband unabhängiger Verlage, nutzt ihn heute so: Unabhängige Verlage tragen mit ihren Programmen abseits des Mainstreams besonders zur Bibliodiversität bei, zu einer vielfältigen Landschaft aus Stimmen, Sprachen und Textformen.


Die Logik ist dieselbe wie in jedem Ökosystem. Eine artenreiche Landschaft ist widerstandsfähiger als eine Monokultur, weil unterschiedliche Akteure unterschiedliche Nischen besetzen, sich gegenseitig ergänzen und das System auch dann noch trägt, wenn einzelne Teile ausfallen. Verarmt die Vielfalt, verliert das System genau diese Pufferfähigkeit und steuert, wie es im Artikel heißt, auf Kipppunkte zu.


Die Zahlen hinter dem Gefühl

Man merkt das Bröckeln an den Rändern, lange bevor sich die ganze Entwicklung zeigt. Ein paar Eckdaten aus dem Artikel:

Kennzahl

Entwicklung

Menschen in Deutschland, die jährlich mind. ein Buch kaufen

36 Mio. (2013) → 29,6 Mio. (2017) → 25,9 Mio. (2025)

Kleine Buchhandlungen, die 2020–2024 aufgegeben haben

rund 300

Buchhandlungen insgesamt, Rückgang 2018–2024

−12 %, noch 4.400 Läden, rund ein Drittel davon Ketten

Verlagsunternehmen, verschwunden seit 2014

von über 2.000 auf 1.482 (davon 191 allein seit 2020)

Anteil von Amazon/Internethandel am Buchumsatz 2025

26,1 % (Sortimentsbuchhandel: 40,8 %)

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Kurt-Wolff-Stiftung


Und die Konzentration wächst: Thalia kommt auf 2,2 Milliarden Euro Umsatz, über 570 Buchhandlungen und 7.000 Mitarbeitende. Ein unabhängiger Buchhändler wie Felix Wegener in München-Schwabing erreichte in seinem ersten Jahr an seinem neuen Standort 360.000 Euro, bei eingeschränktem persönlichem Lebensstandard, wie er selbst sagt.


Drei Orte, ein Muster

Der Artikel erzählt das nicht abstrakt, sondern an echten Beispielen, und gerade die haben mich am meisten beschäftigt.


Die Buchhandlung Kleinschmidt in Hof gibt es seit 1869. Ende Oktober 2026 schließt sie endgültig, nach 157 Jahren. Inhaberin Karin Prix und ihr Sohn Peter nennen gestiegene Kosten, eine Fernwärmebaustelle, die die Laufkundschaft abschnitt, und eine Innenstadt, die insgesamt ausdünnt. "Ich hätte das gern bis zur Rente gemacht", sagt Peter Prix, "aber ein Gehalt war schon seit November nicht mehr drin."


Der Berenberg Verlag in Berlin hat seinen Betrieb im März 2026 eingestellt, nach 22 Jahren. Verleger Heinrich von Berenberg, der nie ein Gehalt aus dem Verlag bezogen hat, nennt gestiegene Herstellungskosten und ein alterndes Lesepublikum als Gründe. Auf die Frage, was er jetzt macht, antwortet er versonnen: "Es gibt genug zu lesen, mein Gott, was ich noch alles lesen muss!"


Und dann ist da Felix Wegener in München, dessen Buchhandlung Pfeiffer gerade wächst, dessen Umsatz steigt und der trotzdem sagt: Knapp bleibt es. Drei Orte, drei sehr unterschiedliche Geschichten, aber dasselbe Muster darunter: Wer Vielfalt und persönliche Beziehung zum Kerngeschäft macht, trägt ein strukturelles Kostenrisiko, das die Großen über Fläche und Algorithmen abfedern können.



Monokulturen des Geistes

Am eindrücklichsten fand ich im Artikel eine Formulierung über den Buchmarkt: Er stehe "vor den Sojaplantagen, die den Urwald der Literatur zurückdrängen." Große Verlage konzentrieren sich zunehmend auf wenige, bestseller-sichere Genres, weil Vorschüsse und Werbekosten für Bestseller steigen und das Risiko minimiert werden muss. Die Globalisierungskritikerin Vandana Shiva hat für dieses Phänomen in anderem Kontext den Begriff "Monokulturen des Geistes" geprägt, und er passt hier erschreckend gut.


Dabei sind es gerade die kleinen, unabhängigen Verlage, die im Bild der Bibliodiversität "den Boden feucht halten und mit ihren Wurzeln den Humus festigen, der auch die älteren Bäume der Branchenriesen mit Nahrung versorgt." Die Schriftstellerin Christine Wunnicke etwa, die über Jahre bei großen Verlagen sperrig und unverstanden wirkte, fand erst über den kleinen Berenberg Verlag ihr Publikum, bevor sie auf Shortlists landete und 2026 den Georg-Büchner-Preis bekommt. Ohne die kleinen Akteure keine Entdeckungen wie diese.


Was das mit unternehmerischer Resilienz zu tun hat

An dieser Stelle kann ich meine Coach- und Beraterbrille nicht absetzen, und ich finde, das muss ich auch nicht. Der Buchmarkt zeigt im Kleinen etwas, das ich aus der Nachhaltigkeitsberatung gut kenne: Ein System, das kurzfristig auf Effizienz und Konzentration optimiert, verliert langfristig an Resilienz. Auch deshalb hat der europäische Gesetzgeber mit ESRS E4 einen eigenen Berichtsstandard für Biodiversität und Ökosysteme geschaffen: Unternehmen sollen zeigen, wie abhängig ihr Geschäftsmodell von intakten, vielfältigen Systemen ist, und was sie tun, um diese Vielfalt nicht selbst zu untergraben. Ein häufig ungeliebtes Feld was in der Wesentlichkeitsanalyse gerne als "nicht wesentlich" gekennzeichnet wird.


Man kann dieselbe Frage an jedes Unternehmen stellen, unabhängig davon, ob es berichtspflichtig ist. Nicht über Wälder und Arten, sondern über Lieferanten, Vertriebswege, Ideen und Perspektiven im eigenen Haus. Wer sich auf wenige große, austauschbare Partner verlässt, weil das kurzfristig günstiger ist, baut dieselbe Monokultur wie ein Buchmarkt, der nur noch auf Bestseller setzt. Sie funktioniert, bis sie es nicht mehr tut.


Fünf Fragen für den Selbstcheck

Auch ohne Buchladen lässt sich das Prinzip auf die eigene Organisation übertragen:

  1. Von wie vielen großen, austauschbaren Partnern hängt unser Geschäft ab, und was passiert, wenn einer davon wegfällt?

  2. Welche kleinen, unbequemen Stimmen im Unternehmen oder in unserem Netzwerk hören wir uns noch an, bevor wir sie wegoptimieren?

  3. Optimieren wir gerade auf das, was sich am sichersten verkauft, oder auch auf das, was uns in fünf Jahren noch trägt?

  4. Was würden wir verlieren, wenn der kleinste, unscheinbarste Teil unseres Netzwerks verschwindet?

  5. Investieren wir aktiv in die "jungen Pflänzchen" in unserem Umfeld, oder überlassen wir das anderen?


Zum Weiterlesen


FAQ

Was bedeutet Bibliodiversität? Der Begriff wurde in den 1990er-Jahren von chilenischen Verlegern geprägt, in Analogie zur Biodiversität. Er beschreibt die Vielfalt von Stimmen, Sprachen, Verlagen und Buchhandlungen in einer Literaturlandschaft, als Gegenentwurf zu einem Markt, der sich auf wenige Bestseller konzentriert.

Warum schließen gerade so viele unabhängige Buchhandlungen? Strukturelle Gründe wie sinkende Käuferzahlen, wachsende Konkurrenz durch Ketten und Online-Handel treffen auf individuelle Faktoren wie fehlende Nachfolge, gestiegene Kosten oder lokale Standortveränderungen. Zwischen 2020 und 2024 haben laut Börsenverein rund 300 kleine Buchhandlungen in Deutschland aufgegeben.

Was hat Bibliodiversität mit ESRS E4 zu tun? ESRS E4 ist der EU-Berichtsstandard für Biodiversität und Ökosysteme. Er verlangt von Unternehmen, ihre Abhängigkeit von intakten, vielfältigen Systemen offenzulegen. Das Prinzip dahinter, Resilienz entsteht aus Vielfalt, nicht aus Konzentration, lässt sich auf jedes unternehmerische Netzwerk übertragen, unabhängig von der Berichtspflicht.


Hinweis: Dieser Beitrag ist ein persönlicher Debattenbeitrag auf Basis eines Presseartikels und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Stand: Oktober 2026.


 
 
 

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