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Die Wirkungstreppe: Wie aus Purpose belegbare Wirkung wird

Autorenbild: Claus Fesel
Claus Fesel
27. Sept.
6 Min. Lesezeit
Trepper im Grünen

Fast jedes Unternehmen, mit dem ich arbeite, hat inzwischen einen Purpose. Er steht auf der Website, hängt im Foyer und taucht in der Recruiting-Kampagne auf. Seltener ist die Antwort auf die Frage, die danach kommt: Und was bewirkt ihr damit eigentlich?

Diese Frage ist unbequem, weil sie den Schritt von der Absicht zur Wirkung verlangt. Genau um diesen Schritt geht es in einem lesenswerten Beitrag von Sylvia Lipkowski im Weiterbildungsmagazin managerSeminare (Heft 335, Februar 2026). Ihr Befund: Vielen Menschen reicht es nicht mehr, einen Purpose zu haben. Sie wollen sehen, dass ihr Einsatz zu greifbaren Veränderungen führt. Ich greife den Beitrag hier auf, weil er ein Werkzeug vorstellt, das ich für den Mittelstand gerade für besonders nützlich halte, und weil sich die Rahmenbedingungen für Nachhaltigkeitskommunikation gerade deutlich verschieben.


Purpose ist gut, Impact ist besser

Phillip Brandts, der bei der gemeinnützigen Denkfabrik Phineo die Impact-Beratung leitet, bringt das Problem auf den Punkt: In Unternehmen sei die Bereitschaft groß, mehr Wirkung zu entfalten, aber die Unsicherheit, wie sich der tiefere Sinn in konkretes Handeln übersetzen lässt, ebenso.

Die Folge kennen wir alle. Viele Purpose-Statements bleiben Absichtserklärungen. Sie können sich in strategischen Entscheidungen niederschlagen, aber eben auch bloß in Marketingkampagnen. Passiert Letzteres, spricht die Öffentlichkeit von Greenwashing, bei sozialen Themen von Impact Washing oder Social Washing.


Die Wirkungstreppe: sieben Stufen von der Aktivität zur Veränderung

Phineo hat für genau diese Lücke ein Framework entwickelt, die Wirkungstreppe. Sie reduziert komplexe Zusammenhänge auf sieben Stufen:

Stufe

Was passiert

Ebene

7

Die Gesellschaft verändert sich

Impact

6

Die Lebenslagen der Zielgruppen ändern sich

Outcome

5

Zielgruppen verändern ihr Handeln

Outcome

4

Zielgruppen verändern Bewusstsein bzw. Fähigkeiten

Outcome

3

Zielgruppen akzeptieren die Angebote

Output

2

Zielgruppen werden erreicht

Output

1

Aktivitäten finden wie geplant statt

Output

Quelle: Phineo gAG, zitiert nach managerSeminare 335


Der entscheidende Punkt liegt zwischen Stufe 3 und 4. Erst ab Stufe 4 spricht man von Wirkung. Alles darunter beschreibt, was eine Organisation tut und wen sie damit erreicht. Das ist wichtig, aber es ist noch keine Veränderung. Echten Impact im engen Sinn gibt es nur auf Stufe 7, und der ist schwer zu erreichen und noch schwerer nachzuweisen. Realistischer und gut belegbar sind Outcomes auf den Stufen 4 bis 6.


Zwei Richtungen, die Treppe zu nutzen

Meist wird die Treppe von unten nach oben gelesen: Was haben wir getan, was hat es bewirkt? Mindestens so wertvoll finde ich die umgekehrte Richtung. Man startet beim Purpose, also bei der gesellschaftlichen Veränderung auf Stufe 7, und denkt Stufe für Stufe zurück: Welche Veränderungen im Denken, Handeln und Leben der Menschen braucht es dafür? Und welche konkreten Aktivitäten stoßen diese Veränderungen an?

Lipkowski beschreibt, wie Airbus genau so vorgegangen ist. Das Community Impact Team hat 2025 seine vielen Projekte, von Hilfsgüterlieferungen über CO₂-Reduktion bis zu Bildungsinitiativen, entlang der Treppe sortiert, vom Input über den Output bis zu den Outcomes. Ergebnis war eine Konzentration auf zwei Fokusthemen. Für ein Mittelstandsunternehmen ist das übertragbar: Weniger Einzelmaßnahmen, dafür solche, deren Wirkung man tatsächlich zeigen kann.


Warum das für den Mittelstand gerade jetzt zählt

Man könnte meinen, der Druck sei raus. Die EU hat die Nachhaltigkeitsberichterstattung deutlich zurückgeschnitten. Das stimmt, aber es ist nur die halbe Geschichte. Für KMU verschiebt sich der Druck von der Berichtspflicht hin zur Kommunikation und zu den Datenanfragen aus der Lieferkette.


Stand September 2026 sieht das so aus:


CSRD: Nur noch sehr große Unternehmen sind berichtspflichtig. Mit dem Omnibus-I-Paket, der Richtlinie (EU) 2026/470, gilt die CSRD nur noch für Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und mehr als 450 Mio. Euro Nettoumsatz. Die Richtlinie ist seit März 2026 in Kraft, die Mitgliedstaaten müssen sie bis 19. März 2027 umsetzen. Die deutsche Umsetzung läuft noch. Für die allermeisten Mittelständler entfällt die Pflicht zum CSRD-Bericht damit.


VSME wird zum „VS“ und bekommt rechtliches Gewicht. Den freiwilligen Standard für nicht berichtspflichtige Unternehmen hat die EU-Kommission am 3. Juli 2026 als delegierten Rechtsakt angenommen. Er heißt künftig schlicht „Voluntary Standard“ (VS), bleibt freiwillig und behält seine Modulstruktur mit Basis- und Umfassendem Modul. Wichtig ist der sogenannte Value-Chain-Cap: Unternehmen mit bis zu 1.000 Beschäftigten müssen berichtspflichtigen Großkunden grundsätzlich keine Nachhaltigkeitsdaten liefern, die über den Standard hinausgehen.


EmpCo: Seit dem 27. September 2026 müssen Umweltaussagen belegt sein. Die EU-Richtlinie „Empowering Consumers for the Green Transition“ ist in Deutschland über das Dritte Gesetz zur Änderung des UWG umgesetzt und gilt ab dem 27. September 2026, ohne Übergangsfrist. Pauschale Aussagen wie „umweltfreundlich“ oder „klimaneutral“ sind ohne anerkannte, belegbare hervorragende Umweltleistung unzulässig. Produktbezogene Klimaneutralitätsversprechen, die allein auf Kompensation beruhen, sind verboten. Und wer Aussagen über künftige Umweltleistungen trifft, braucht einen konkreten, realistischen und extern überprüften Umsetzungsplan. Die ursprünglich zusätzlich geplante Green-Claims-Richtlinie liegt derzeit auf Eis.


Die Berichtspflicht ist für den Mittelstand weitgehend weg. Die Beweislast für das, was er über sich sagt, ist dagegen gestiegen.


Ein Denkwerkzeug für belastbare Nachhaltigkeitskommunikation

Genau hier wird die Wirkungstreppe für mich interessant, auch wenn sie ursprünglich aus der gemeinnützigen Wirkungsanalyse kommt und kein juristisches Prüfschema ist. Sie zwingt dazu, sauber zu unterscheiden, auf welcher Stufe eine Aussage eigentlich steht.


Drei Beispiele aus meinem Beratungsalltag:

  • „Wir haben 5.000 Bäume gepflanzt.“ Das ist Stufe 1, eine Aktivität. Darüber darf man berichten. Wer daraus aber „wir sind klimaneutral“ macht, springt drei Stufen nach oben, ohne Beleg, und landet im EmpCo-Risiko.

  • „Alle Führungskräfte haben ein Nachhaltigkeitstraining absolviert.“ Stufe 2 bis 3. Aussagekräftig wird es erst, wenn sich zeigen lässt, dass sich Entscheidungen verändert haben, etwa bei Beschaffung oder Investitionen (Stufe 5).

  • „Unsere Kunden sparen mit unserem Produkt 20 Prozent Energie.“ Das ist eine Outcome-Aussage auf Stufe 5 oder 6. Sie ist stark, aber nur, wenn die Messung dahinter trägt.


Die Treppe hilft also, zwei Fehler zu vermeiden: Output als Wirkung zu verkaufen, und aus Angst vor Abmahnungen gar nichts mehr zu sagen. Greenhushing ist keine Lösung. Wer seine Aussagen der richtigen Stufe zuordnet, kann weiter selbstbewusst kommunizieren, nur eben präziser. Und die Daten, die man dafür sammelt, lassen sich gut mit einem VS-Bericht verbinden.



Was Wirkung verhindert, und wie man gemeinsam weiterkommt

Lipkowski ergänzt die Treppe um zwei Perspektiven, die ich im Mittelstand für unterschätzt halte.

Die erste stammt von Rutger Bregman. In „Moralische Ambition“ beschreibt er fünf Illusionen, die wirkungsvolles Engagement verhindern. Zwei davon treffen Nachhaltigkeitsarbeit besonders: die Illusion von Awareness („Wissen allein wirkt nicht“) und die Illusion guter Absichten („Gut gemeint ist nicht gut gewirkt“). Sensibilisierungskampagnen sind Stufe 2 bis 4. Wer bei ihnen stehen bleibt, verwechselt Aufmerksamkeit mit Veränderung. Bregmans fünfte Illusion passt ebenfalls: Eine kleine Wirkung ist besser als keine. Nicht alles gleichzeitig lösen wollen, sondern Etappenziele setzen.


Die zweite Perspektive heißt Collective Impact. Die Methode, 2011 von John Kania und Mark Kramer beschrieben, setzt darauf, dass komplexe gesellschaftliche Herausforderungen nicht von einzelnen Akteuren gelöst werden. Sie beruht auf fünf Prinzipien: einer gemeinsamen Agenda, einheitlichen Erfolgsindikatoren, sich gegenseitig verstärkenden Aktivitäten, kontinuierlicher Kommunikation und einer unabhängigen Koordinationsstelle. Für Mittelständler ist das die Brücke zu Branchen-, Regional- und Lieferketteninitiativen. Wer Stufe 7 erreichen will, schafft das selten allein. Genau diese Erfahrung machen wir auch in der Peer School for Sustainable Development, wo Menschen aus unterschiedlichen Unternehmen voneinander lernen.

Stufe 7 erreicht selten ein Unternehmen allein. Aber jedes kann zeigen, was es auf Stufe 4 bis 6 beiträgt.


Fünf Fragen für den Einstieg

Wer die Treppe im eigenen Unternehmen ausprobieren will, kann mit diesen Fragen starten:

  1. Welche gesellschaftliche Veränderung soll unser Purpose eigentlich anstoßen (Stufe 7)?

  2. Bei wem müsste sich dafür etwas im Denken, Handeln oder Leben verändern (Stufen 4 bis 6)?

  3. Welche unserer heutigen Maßnahmen zahlen erkennbar darauf ein, und welche nicht?

  4. Auf welcher Stufe stehen die Nachhaltigkeitsaussagen, die wir heute auf Website, Verpackung und in Präsentationen machen?

  5. Welche Daten bräuchten wir, um eine Aussage eine Stufe höher belegen zu können?

Gerade die vierte Frage lohnt sich spätestens jetzt, mit dem Geltungsbeginn von EmpCo.


Zum Weiterlesen



FAQ

Was ist die Wirkungstreppe von Phineo? Ein Modell mit sieben Stufen, das zwischen Output (Stufen 1 bis 3: Aktivitäten, Reichweite, Akzeptanz), Outcome (Stufen 4 bis 6: Veränderungen bei den Zielgruppen) und Impact (Stufe 7: gesellschaftliche Veränderung) unterscheidet. Ab Stufe 4 spricht man von Wirkung.


Was ist der Unterschied zwischen Output, Outcome und Impact? Output beschreibt, was eine Organisation tut und wen sie erreicht. Outcome beschreibt, was sich dadurch bei den Zielgruppen verändert, etwa Wissen, Verhalten oder Lebenslage. Impact meint die Veränderung auf gesellschaftlicher Ebene.


Müssen mittelständische Unternehmen nach dem Omnibus noch einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen? Eine CSRD-Pflicht gilt nur noch für Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und über 450 Mio. Euro Umsatz. Für kleinere Unternehmen ist der freiwillige Standard VS (vormals VSME) die Referenz. Er begrenzt über den Value-Chain-Cap auch, welche Daten Großkunden verlangen dürfen. Unabhängig davon müssen Umweltaussagen gegenüber Verbrauchern seit dem 27. September 2026 den verschärften UWG-Regeln entsprechen.


Hinweis: Dieser Beitrag ordnet Entwicklungen fachlich ein und ersetzt keine Rechtsberatung. Stand: September 2026.

 
 
 

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