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Keep Management: Was Nachhaltigkeit vom Bewahren lernen kann

Autorenbild: Claus Fesel
Claus Fesel
vor 11 Minuten
5 Min. Lesezeit
Balken mit Tau umspannt

„Nachhaltigkeit“ ist ursprünglich ein Wort des Bewahrens. Hans Carl von Carlowitz beschrieb 1713 in seiner „Sylvicultura oeconomica“ eine Forstwirtschaft, die nur so viel Holz schlägt, wie nachwächst.


In der heutigen Debatte geht dieser Kern manchmal unter. Wir reden über Umbau, Wende und Transformation, aber selten darüber, was dabei erhalten bleiben muss.


Genau diese Frage stellen Horst Lempart und Dierk Söllner im Weiterbildungsmagazin managerSeminare (Heft 341, August 2026) in den Mittelpunkt. Ihr Ansatz heißt Keep Management. Ich greife ihn auf, weil er mir für den Mittelstand gerade besonders nützlich scheint. Nach dem Omnibus wurde und wird in vielen Unternehmen neu sortiert, was von der Nachhaltigkeitsarbeit der letzten Jahre bleibt. Wer dabei nur fragt, was wegfallen kann, übersieht leicht, was trägt.


Zu viel Veränderung ist auch ein Risiko

Lempart und Söllner beginnen mit einem kleinen Witz: Zwei Changemanagerinnen stellen in der Kantine fest, dass es allen schmeckt, und folgern daraus, man müsse die Leute jetzt von einem anderen Geschmack überzeugen, damit man den Koch wechseln kann. Der Witz trifft, weil er nah an der Realität ist.


In vielen Unternehmen wird Veränderung um der Veränderung willen betrieben, weil Stillstand als Rückschritt gilt.


Die Autoren halten diesen Hang zur „Überveränderung“ für den eigentlichen Grund, warum so viele Veränderungsvorhaben scheitern, und für einen, über den kaum jemand spricht. Wer zu viel auf einmal verändert, destabilisiert nicht nur das, was verändert werden muss, sondern auch das Fundament, auf dem die Zukunft gebaut werden soll. Ihre Quadranten machen den Zusammenhang sichtbar:


Change-Level

Keep-Level

Ergebnis

niedrig

niedrig

Chaos: fehlende Struktur und Dynamik

hoch

niedrig

Risiko: schnelle Veränderung ohne Stabilisierung

niedrig

hoch

Stagnation: zu viel Erhalt bremst Fortschritt

hoch

hoch

Balance/Erfolg: Verändern und Bewahren zusammen

Quelle: Horst Lempart, Dierk Söllner, managerSeminare 341


Ein starkes Bild, was ich mir gemerkt habe: Ein Herzchirurg käme nie auf die Idee, während einer Bypass-Operation ein Software-Update an der Herz-Lungen-Maschine aufzuspielen. In Unternehmen passiert genau das regelmäßig. Das Geschäftsmodell wird umgebaut, und gleichzeitig wechseln Buchhaltung, CRM und Meeting-Kultur. Das System kollabiert dann nicht am Wandel, sondern an der fehlenden Stabilität der Basis.


In der Nachhaltigkeitsarbeit kenne ich dieses Muster gut. Neue Strategie, neue Kennzahlen, neue Software, neue Berichtsformate, neue Verantwortlichkeiten, alles im selben Jahr. Viele Teams standen damit eher im Risiko-Quadranten als in der Balance.


Was hinter Keep Management steckt

Der Begriff klingt zunächst konservativ. Lempart und Söllner erklären ihn über die Seemannssprache: Eine „Keep“ ist eine Rille im Holz, die ein Tau führt und verhindert, dass es wild umherschlägt. Es geht also nicht um die Haltung „Das haben wir schon immer so gemacht“, sondern um eine Führungsrille, die in stürmischer See Orientierung gibt.

Fachlicher formuliert ist Keep Management der bewusste, strategische Schutz von funktionierenden Prozessen, Werten und Identitäten. Die Leitfrage lautet: Was darf sich auf keinen Fall ändern, damit wir erfolgreich bleiben? Das verlangt von Führungskräften Ambiguitätstoleranz. Sie müssen gleichzeitig radikal verändern und das Bewährte schützen. Das ist kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Wenn Change das Gaspedal ist, ist Keep die Hand am Lenkrad.


Drei Prinzipien für bewahrendes Verändern

Als Handlungsrahmen nutzen die Autoren drei Prinzipien des lösungsorientierten Ansatzes von Steve de Shazer. Als systemischer Coach arbeite ich seit Jahren mit diesem Denken. Für Veränderungsprozesse in Organisationen hatte ich es so noch nicht gelesen.


1. Repariere nicht, was nicht kaputt ist. Bevor an einem Prozess geschraubt wird, sollte geprüft werden, wofür er gebraucht wird und wie gut er funktioniert. Oft zeigt sich, dass er besser läuft als gedacht, weil man sich vor allem an die Fälle erinnert, in denen es hakt. Die Faustformel der Autoren: Funktioniert ein Prozess in 80 Prozent der Fälle, lass ihn so.


2. Finde, was funktioniert, und tu mehr davon. Die meisten Unternehmen schauen in Veränderungsphasen fast nur auf Defizite. Die Autoren schlagen vor, die Wertstromanalyse umzudrehen: nicht nach Verschwendung suchen, sondern nach Wertschöpfungsinseln, also Bereichen, in denen es kaum Rückfragen und Fehler gibt. Diese Inseln sind meist unsichtbar, weil sie geräuschlos funktionieren. Lempart und Söllner empfehlen, sie auf der Landkarte des Unternehmens als „Naturschutzgebiete“ zu markieren, in denen nur mit äußerster Vorsicht verändert wird.


3. Wenn etwas trotz vieler Anstrengungen nicht funktioniert, höre auf und versuche etwas anderes. Das klingt nach gesundem Menschenverstand, ist aber am schwersten umzusetzen. Wer viel investiert hat, hält fest (Sunk Cost Fallacy). Wer eine Veränderung öffentlich verteidigt hat, deutet ihr Scheitern um (kognitive Dissonanz). Die Autoren schlagen eine hilfreiche Umdeutung vor: Die Rückkehr zum Vorherigen ist kein Scheitern, sondern ein bestandener Test des Bewährten.


Was in der Nachhaltigkeitsarbeit schützenswert ist

Jetzt will ich das auf die Nachhaltigkeitsarbeit in mittelständischen Unternehmen übertragen.


Funktionalität. In vielen Unternehmen laufen Energie- oder Umweltmanagementsysteme seit Jahren zuverlässig im Hintergrund. Sie sind die Wertschöpfungsinseln der Nachhaltigkeitsarbeit: unspektakulär, aber belastbar. Das Gleiche gilt für gewachsene Lieferantenbeziehungen, in denen Datenfragen im Gespräch geklärt werden statt über den fünften Fragebogen. Solche Bereiche verdienen den Status eines Naturschutzgebiets, gerade wenn rundherum neu sortiert wird.


Identität. Nachhaltigkeit im Mittelstand ist selten nur ein Projekt der Stabsstelle. Oft steckt sie in Dingen, die Menschen ohnehin tun: im Azubi-Projekt, in der Reparaturkultur der Werkstatt, in der Verbundenheit mit der Region. Das sind die Geschichten, die ein Unternehmen über sich selbst erzählt. Wer sie in einer neuen Strategie übergeht, verliert genau die Menschen, die sie tragen.


Energie. Nach Jahren der Berichtsvorbereitung sind viele Nachhaltigkeitsteams müde. Bevor die nächste Initiative startet, lohnt die ehrliche Frage, ob zuerst stabilisiert werden muss. Das Wissen, das für die CSRD aufgebaut wurde, ist dabei selbst etwas Schützenswertes. Wie groß dieser Aufbau war, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben.


Die Kehrseite: Was wir verlernen müssen

Bewahren ist kein Freibrief. In derselben Ausgabe beschreiben Nils-Torge Telle und Fabio Ibrahim „Die verlernende Organisation“. Ihr Befund: Systeme, ob Gehirne oder Unternehmen, sind auf Stabilität angelegt und halten auch dann an Mustern fest, wenn diese längst dysfunktional sind. Verlernen heißt für sie nicht vergessen, sondern etablierte Muster bewusst nicht mehr fortzuführen.


Ihr Werkzeug dafür ist das Assumption Audit. Für einen eingeschliffenen Prozess werden drei Fragen gestellt: Auf welchen Annahmen beruht er? Sind diese Annahmen heute noch belegbar? Was würde passieren, wenn das Gegenteil wahr wäre?


Übertragen auf Nachhaltigkeit trifft das die Annahmen hinter dem Geschäftsmodell. Dass Kunden für Langlebigkeit nicht zahlen. Dass Rohstoffe und Energie verlässlich verfügbar bleiben. Dass Umweltaussagen keine Belege brauchen. Manche dieser Annahmen stimmen vielleicht noch, andere nicht mehr.


Erst beides zusammen ergibt den Quadranten oben rechts. Keep Management sagt, was wir schützen. Das Assumption Audit sagt, was wir in Frage stellen.


Fünf Fragen für den Selbstcheck

  1. Was funktioniert in unserer Nachhaltigkeitsarbeit so gut, dass wir es auf keinen Fall anfassen sollten?

  2. Wo verändern wir gerade zu viel gleichzeitig?

  3. Welche Maßnahme halten wir nur noch wegen der bisherigen Investition am Leben?

  4. Auf welchen Annahmen beruht unser Geschäftsmodell, und welche davon sind heute noch belegbar?

  5. Wer stellt bei uns in Veränderungsrunden die Frage, was wir bewahren wollen?


Zum Weiterlesen


FAQ

Was ist Keep Management? Ein Ansatz von Horst Lempart und Dierk Söllner, der Veränderung und Bewahren in Balance bringen soll. Er fragt bei jedem Veränderungsvorhaben auch, was sich auf keinen Fall ändern darf, und schützt funktionierende Prozesse, Werte und Identitäten bewusst vor unnötigem Umbau.

Ist Bewahren nicht einfach Widerstand gegen Veränderung? Nein. Nach den Autoren geht es nicht um Blockade, sondern um Orientierung. Erfolgreich sind Organisationen, in denen viel verändert und gleichzeitig viel bewahrt wird. Zu wenig Bewahren erhöht das Risiko, zu wenig Verändern führt in die Stagnation.

Was ist ein Assumption Audit? Eine Methode, um eingeschliffene Routinen zu prüfen. Man fragt, auf welchen Annahmen ein Prozess beruht, ob diese heute noch belegbar sind und was geschähe, wenn das Gegenteil wahr wäre. Beschrieben wird sie von Nils-Torge Telle und Fabio Ibrahim in managerSeminare 341.

 
 
 

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