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Twin Transformation: Warum Digitalisierung allein keine Nachhaltigkeitsstrategie ist

  • Autorenbild: Claus Fesel
    Claus Fesel
  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit
Windkraft- und Industrieanlage verschmelzen, verbunden durch digitale Datenströme

Viele Unternehmen stehen gerade vor einer verführerischen Gleichung: Je mehr wir digitalisieren, desto nachhaltiger werden wir. Datenplattformen, KI, IoT — die Technologien klingen überzeugend, die Investitionen sind erheblich, und die Erwartungen sind hoch. Doch in meiner Beratungsarbeit erlebe ich immer wieder dasselbe Muster: Die Tools sind da, die Strategie steht auf dem Papier — und trotzdem bewegt sich wenig. Die Twin Transformation, also die gleichzeitige und möglichst synergetische Entwicklung von Digitalisierung und Nachhaltigkeit, ist eben kein IT-Projekt. Sie ist eine Führungs- und Kulturaufgabe.


Was Twin Transformation wirklich bedeutet

Twin Transformation bezeichnet die gleichzeitige, aufeinander abgestimmte Entwicklung von digitaler Transformation und Nachhaltigkeitstransformation in einem Unternehmen. Der Begriff klingt nach Doppelbelastung — und das ist er auch, wenn man beide Prozesse getrennt angeht. Klug gestaltet, können sie sich jedoch gegenseitig verstärken.

Ein aktueller Fachartikel von Jan Recker und Laura Marie Edinger-Schons in der Zeitschrift für Führung und Organisation (zfo, 02/2026) liefert dafür eine der strukturiertesten Landkarten, die ich bisher gelesen habe. Die Autoren beschreiben fünf digitale Wirkmechanismen, über die Technologien konkret zur Reduktion von Treibhausgasemissionen beitragen können: Automatisierung, Virtualisierung, Sensemaking, Verhaltensänderung sowie Vernetzung und Systemintegration.

Entscheidend ist dabei nicht die Wahl einzelner Technologien, sondern deren Orchestrierung entlang des gesamten Wertstroms.

Sechs Technologiecluster — von IoT und digitalen Zwillingen über Datenräume und KI bis hin zu Augmented Reality — können diese Mechanismen bereitstellen. Aber: Keiner davon funktioniert isoliert, und keiner entfaltet seine Wirkung ohne das richtige Umfeld.


Warum die Technik allein nicht reicht

Hier liegt der blinde Fleck vieler Transformationsprojekte. Unternehmen investieren in Technologie, aber nicht in die Bedingungen, unter denen Technologie wirkt. Recker und Edinger-Schons formulieren es klar: Digitale Technologien entfalten ihre ökologische Wirkung nur dann, wenn sie in eine Lern- und Veränderungskultur eingebettet sind.

Das deckt sich mit dem, was ich in der Beratungspraxis erlebe. Ein Emissionsmonitoring-Tool, das niemand versteht, verändert kein Verhalten. Eine Datenplattform, die Scope-3-Emissionen sichtbar macht, nützt nichts, wenn im nächsten Beschaffungsmeeting dieselben Lieferanten ohne Nachhaltigkeitskriterien ausgewählt werden. Die Lücke zwischen Datentransparenz und Entscheidungsveränderung ist eine Kultur- und Führungslücke — keine Technologielücke.

Nachhaltigkeit und Digitalisierung werden nicht durch bessere Tools verankert, sondern durch veränderte Routinen, Entscheidungslogiken und Haltungen.


Welche Wirkpfade wirklich zählen

Der Artikel beschreibt sechs Wirkpfade, über die Twin Transformation konkrete Ergebnisse erzeugt. Ich finde drei davon besonders relevant für KMU und Mittelstand:

Effizienz und Dematerialisierung: Digitale Technologien senken den Ressourcenverbrauch pro Output-Einheit. IoT-Sensorik, KI-gestützte Prozesssteuerung oder additive Fertigung reduzieren Ausschuss, Leerläufe und Materialeinsatz — und senken gleichzeitig Kosten. Das ist der Wirkpfad mit dem kürzesten Weg von Investition zu Ergebnis.

Transparenz und Steuerbarkeit: Wer Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen nicht messen kann, kann sie nicht steuern. Datenplattformen und Reportinglösungen schaffen die Grundlage — und sind mittlerweile durch die CSRD für viele Unternehmen regulatorische Pflicht. [Interner Link: Leistungsseite CSRD-Beratung / Nachhaltigkeitsstrategie]

Neue Geschäftsmodelle: Hier wird es strategisch interessant. Digitalisierung ermöglicht nutzungsbasierte Modelle, datengetriebene Optimierungsservices und kreislauforientierte Erlösmodelle — also Wertschöpfung, die ökologische Wirkung und wirtschaftlichen Mehrwert gleichzeitig erzeugt. Das ist Twin Transformation in ihrer besten Form.


Was das für die Praxis bedeutet — und wo LEGO® Serious Play® hilft

Ich arbeite in meinen Beratungs- und Workshop-Formaten bewusst mit Methoden, die Komplexität greifbar machen. LEGO® Serious Play® ist eine davon. Wenn ein Team aus IT, Nachhaltigkeitsmanagement und Geschäftsführung gemeinsam ein dreidimensionales Modell ihrer Wertschöpfungskette baut und dabei fragt: Wo entstehen bei uns die größten Emissionen? Welche digitalen Hebel passen zu unserem Kontext? Wie lösen wir den Zielkonflikt zwischen kurzfristiger Effizienz und langfristiger ökologischer Wirkung? — dann passiert etwas, das kein Slide-Deck leisten kann.


Komplexe Zielkonflikte lassen sich buchstäblich in die Hand nehmen, sichtbar machen und gemeinsam aushandeln.


Der Artikel nennt als strategisches Gestaltungsprinzip explizit: Kompetenzen und Kultur für digitale Nachhaltigkeit müssen systematisch entwickelt werden — durch interdisziplinäre Trainings, partizipative Lernformate und eine kulturelle Offenheit gegenüber neuen Arbeitsweisen. Das ist kein weiches Beiwerk. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Technologie überhaupt wirkt. [Interner Link: Leistungsseite LEGO® Serious Play® / Workshops]


Fazit: Twin Transformation & Nachhaltigkeit beginnt mit der richtigen Frage

Bevor Unternehmen in die nächste Technologieentscheidung investieren, lohnt sich eine ehrliche Bestandsaufnahme: Haben wir im Team ein gemeinsames Verständnis davon, welche Wirkpfade für unser Geschäftsmodell realistisch sind? Wissen wir, wo unsere größten Emissionshotspots liegen? Und sind unsere Routinen und Entscheidungslogiken überhaupt bereit für das, was die Technologie ermöglichen soll?

Das sind keine technischen Fragen. Das sind strategische und kulturelle Fragen — und die lohnt es sich, zuerst zu beantworten.

Der Originalartikel von Jan Recker und Laura Marie Edinger-Schons in der zfo 02/2026 ist eine der strukturiertesten Orientierungshilfen zu Twin Transformation, die ich kenne. Sehr empfehlenswert für alle, die das Thema ernsthaft angehen wollen.

Welche Erfahrungen macht ihr mit der Verbindung von Digitalisierung und Nachhaltigkeit in euren Unternehmen — wo liegt der größte blinde Fleck?




FAQ

Was ist Twin Transformation? Twin Transformation bezeichnet die gleichzeitige, aufeinander abgestimmte Entwicklung von digitaler Transformation und Nachhaltigkeitstransformation. Ziel ist es, Synergien zwischen beiden Prozessen zu nutzen — sodass Digitalisierung aktiv zur Erreichung von Nachhaltigkeitszielen beiträgt und umgekehrt.

Welche digitalen Technologien helfen Unternehmen, nachhaltiger zu werden? Besonders wirksam sind IoT und digitale Zwillinge für Echtzeit-Monitoring, KI für Prozessoptimierung und Emissionssteuerung sowie Datenplattformen für Transparenz über Scope-1- bis Scope-3-Emissionen. Entscheidend ist nicht die einzelne Technologie, sondern ihre Orchestrierung entlang des gesamten Wertstroms.

Warum scheitern viele Digitalisierungsprojekte im Bereich Nachhaltigkeit? Weil Technologie allein keine Verhaltens- und Kulturveränderung erzeugt. Ohne gemeinsames Verständnis im Team, veränderte Entscheidungslogiken und eine Lernkultur bleibt selbst die beste Datenplattform wirkungslos.

 
 
 

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