Nachhaltigkeit im Handwerk: Wie Kreislaufwirtschaft zum Wettbewerbsvorteil wird
- Claus Fesel

- vor 3 Tagen
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Was Nachhaltigkeit im Handwerk heute bedeutet
Nachhaltigkeit ist kein Luxus – und auch kein Thema nur für Großkonzerne. Für Handwerksbetriebe aller Größen wird sie zunehmend geschäftskritisch: Kunden verlangen nachhaltigere Lösungen, Fachkräfte wählen Arbeitgeber nach Werten aus, und Lieferketten geraten unter Druck.
Das zeigte sich auf der Handwerksmesse 2025, wo ich, Claus Fesel (UNO INO eG), Sabrina Wilhelm und Marcel Mettig (Schüco Polymer Technologies / Recore) einen 50-minütigen Praxisvortrag hielten: „Nachhaltigkeit im Handwerk – mit gutem Gewissen zum Wettbewerbsvorteil."
Drei Handlungsfelder: Ökologie, Soziales, Ökonomie
Nachhaltigkeit im Handwerksbetrieb lässt sich auf drei Ebenen greifen:
Ökologische Nachhaltigkeit beginnt bei der Materialwahl – zertifiziertes Holz, recyclingfähige Profile, Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen – und reicht bis zur Kreislaufwirtschaft auf der Baustelle. Digitale Aufmaßsysteme und optimierte Tourenplanung reduzieren Ressourcenverbrauch und CO₂-Emissionen spürbar.
Soziale Nachhaltigkeit ist im Handwerk kein weiches Thema: Wer heute Fachkräfte gewinnen und halten will, braucht faire Arbeitsbedingungen, gelebte Wertschätzung und klare Entwicklungsperspektiven – vom Gesellen zum Meister. Prävention zahlt sich direkt aus: Was vorne in ergonomische Arbeitsplätze investiert wird, spart hinten an krankheitsbedingten Ausfällen.
Ökonomische Nachhaltigkeit ist das Ergebnis der beiden anderen: Ressourcen einsparen bedeutet weniger einkaufen, weniger ausgeben, mehr Gewinn. Und wer Teil einer Lieferkette ist, wird früher oder später von größeren Auftraggebern nach Sozial- und Umweltstandards gefragt.
Kreislaufwirtschaft in der Praxis: Das Sanierungsprojekt in Wiemeroor
Ein Gasthof von 1718 wird zum Mehrgenerationenhaus
Das Praxisbeispiel aus dem Vortrag zeigt, wie Kreislaufwirtschaft im Handwerk konkret funktioniert. Ein historisches Gebäude in Ostfriesland – ursprünglich landwirtschaftlich genutzt, dann Jahrzehnte lang Gastwirtschaft – wird schrittweise zum energieautarken Mehrgenerationenhaus umgebaut.
2025 standen neue Fenster an. 54 alte Kunststofffenster wurden durch das Schüco Living System ersetzt.
Der Kreislauf: Von der alten Fensterscheibe zum neuen Profil
Was mit den alten Fenstern passierte, ist das Herzstück des Projekts:
Die Firma Trava (ca. 270 Mitarbeitende, Familienbetrieb aus Ostfriesland) baute die Elemente sorgfältig aus – manuell, mit Rücksicht auf die noch bewohnten Räume. Die ausgebauten Fenster gingen zur Recore, einer Recycling-Tochter von Schüco.
Dort durchlaufen sie einen mehrstufigen Prozess: Zerschreddern und Stahlentnahme, Vermahlung zu Mahlgut, Farbsortierung, Homogenisierung und Extrusion zu fertigem Granulat. Dieses Granulat fließt direkt zurück in die Profilproduktion bei Schüco in Weißenfels – als gleichwertiger Rohstoff zu neu produziertem PVC.
Das Ergebnis: Die neuen Fenster, die im selben Projekt verbaut wurden, enthalten das Recyclingmaterial der alten. Ein echter geschlossener Kreislauf.
Gleiche Qualität, kleinerer Fußabdruck
Eine häufige Frage: Sind Profile aus Rezyklat genauso belastbar? Ja. Schüco hat dies durch identische Prüfverfahren nachgewiesen – keine Unterschiede in Verarbeitung und Haltbarkeit, aber deutlich reduzierter CO₂-Fußabdruck.
Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Zwei Seiten derselben Medaille
Nachhaltigkeit und Digitalisierung gehören zusammen – man spricht von „Twin Transformation". Im Handwerk heißt das konkret:
Digitale Aufmaßsysteme minimieren Materialverschnitt
Optimierte Routenplanung spart Fahrten, Energie und Zeit
Papierlose Dokumentation reduziert Verwaltungsaufwand
Tools wie der Schüco Environmental Calculator ermöglichen projektbezogene CO₂-Berechnungen und liefern Umweltproduktdeklarationen (EPD) für Zertifizierungen wie DGNB, LEED oder BREEAM
Der digitale Produktpass – als kommende EU-Anforderung – wird künftig voraussetzen, dass Materialzusammensetzung und CO₂-Fußabdruck jedes verbauten Produkts nachweisbar sind. Wer heute in die Datenbasis investiert, ist morgen im Vorteil.
Quickwins für Handwerksbetriebe – sofort umsetzbar
Nachhaltigkeit muss nicht komplex starten. Fünf Einstiegspunkte, die sofort wirken:
Materialverbrauch analysieren – Wo entsteht Verschnitt? Wo kann präziser geplant werden?
Lieferantengespräche führen – Woher kommen Rohstoffe? Gibt es Zertifizierungen? Wie hoch ist der Recyclinganteil?
Abfalltrennung verbessern – Sortenreine Trennung auf der Baustelle erhöht den Materialwert und senkt Entsorgungskosten
Digitale Tools testen – Tourenplanung, Aufmaß, Zeiterfassung: viele Lösungen amortisieren sich schnell
Mitarbeitendengespräche strukturieren – Wertschätzung, Feedback, Entwicklungsperspektiven sind keine Softskills, sondern Retention-Instrumente
Fazit: Zukunftsfähigkeit beginnt im Betrieb
Nachhaltigkeit im Handwerk ist kein Luxus und kein Bürokratiethema. Sie ist Zukunftsfähigkeit – für Kunden, für Fachkräfte, für die eigene Marge.
Das Projekt in Ostfriesland zeigt: Kreislaufwirtschaft funktioniert heute schon. Sie braucht keinen Konzern, keine Nachhaltigkeitsabteilung – sondern einen Fensterbauer, der sorgfältig ausbaut, einen Recycler, der Materialien im Wert hält, und einen Systemlieferanten, der den Kreislauf schließt.
Perfekt muss das nicht sein. Es muss anfangen.


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