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Präsenz im Team: Warum echte Nähe zählt

  • Autorenbild: Claus Fesel
    Claus Fesel
  • 20. Juli
  • 3 Min. Lesezeit
Zwei Menschen am Tisch

Unser Gehirn kennt keinen technischen Unterschied zwischen einer Beziehung, die im selben Raum stattfindet, und einer, die nur über einen Bildschirm läuft. Es gibt schlicht keinen eingebauten Filter, der uns sagt: „Das hier ist nur medial vermittelt, das zählt nicht wie eine echte Beziehung." Genau darauf macht die Sozialpsychologin Dr. Johanna Degen in einer aktuellen Folge des Podcasts Good Work aufmerksam – und sie beschreibt damit ein Phänomen, das weit über Social Media hinausreicht: die parasoziale Beziehung.


Parasoziale Beziehungen – wenn das Gehirn nicht unterscheidet

Wer täglich denselben Influencer:innen folgt, ihre Stories konsumiert, ihre Meinungen verinnerlicht, baut eine reale emotionale Bindung auf – ohne dass die andere Seite je davon erfährt. Für das Gehirn fühlt sich das an wie eine echte Beziehung, mit echten Bezugspersonen. Das ist per se nicht dramatisch. Problematisch wird es dort, wo diese einseitigen, bequemen Bindungen echte, wechselseitige Beziehungen im Arbeits- und Privatleben zunehmend ersetzen.


Warum wir gelernt haben wegzuschauen

Die eigentlich interessante Frage der Podcast-Folge ist aber eine andere: Warum entscheiden wir uns überhaupt für die parasoziale Variante? Eine Antwort, die mir hängen geblieben ist: Wir haben verlernt auszuhalten, dass echtes Leben nicht durchgehend unterhält. Reale Beziehungen sind unbequem, langsam, manchmal langweilig – und genau davor weichen wir aus, wenn eine bequemere Alternative nur einen Klick entfernt ist.


Die Aufmerksamkeitsökonomie im Rücken

Dass wir zur bequemeren, parasozialen Variante greifen, ist dabei kein individuelles Versagen. Es ist das Ergebnis eines Systems, das genau darauf ausgelegt ist: Die Aufmerksamkeitsökonomie lebt davon, dass Nähe-Gefühle mit möglichst wenig Aufwand ausgelöst werden – ein Like, eine Story, ein personalisierter Feed. Reale Beziehungen können damit im Tempo nicht mithalten, sie brauchen Zeit, Reibung, Geduld. Für Organisationen bedeutet das: Wer will, dass echte Beziehungsgestaltung im Team gewinnt, muss ihr bewusst Raum und Tempo zugestehen, das der Aufmerksamkeitsökonomie fehlt – sonst verliert sie strukturell gegen die bequemere Alternative.


Was bedeutet Präsenz im Team wirklich?

Überträgt man das auf Organisationen, wird es konkret. Präsenz im Team heißt: im Raum bleiben, wenn ein Konflikt unbequem wird. Zuhören, ohne parallel das Handy zu checken. Sich wechselseitig etwas zumuten, statt sich hinter Status-Updates und Chat-Nachrichten zu verstecken. Genau das ist der Kern guter Beziehungsgestaltung, wie sie in modernen Arbeitskultur-Modellen immer wieder als zentrales Prinzip auftaucht – und genau das ist auch der Kern dessen, was ich im systemischen Coaching mit Coachees bearbeite: die Fähigkeit, in Unbequemlichkeit zu bleiben, statt ihr auszuweichen.


LEGO® Serious Play als Gegenmodell

Aus meiner Facilitator-Praxis heraus fällt mir dazu eine Methode ein, die fast wie ein bewusstes Gegenmodell zur parasozialen Beziehung wirkt: LEGO® Serious Play. Menschen sitzen mit den Händen an bunten Bauklötzen, bauen ihre Gedanken sichtbar, hören einander zu – ohne Bildschirm, ohne Feed, ohne Möglichkeit, sich wegzuscrollen. Es entsteht eine Form von Präsenz, die sich nicht wegscrollen lässt, weil sie an ein physisches Objekt und einen gemeinsamen Moment gebunden ist. Nicht als Ersatz für Beziehungsarbeit, sondern als methodischer Raum, in dem echte Begegnung überhaupt erst wieder möglich wird.


Was Führungskräfte und Coaches daraus mitnehmen können

Drei Ansatzpunkte, die sich aus der Folge ableiten lassen:

  • Aufmerksamkeit ist eine Führungsaufgabe. Wer als Führungskraft echte Präsenz vorlebt, schafft einen Gegenpol zur permanenten Ablenkung.

  • Unbequemlichkeit aushalten trainieren. Teams, die lernen, in schwierigen Momenten präsent zu bleiben, statt auszuweichen, bauen belastbarere Beziehungen auf.

  • Physische, hands-on Formate bewusst einsetzen. Formate wie LEGO® Serious Play oder einfache Präsenz-Rituale im Meeting schaffen Momente, die sich der Aufmerksamkeitsökonomie entziehen.


Im Coaching lässt sich das konkret machen. Ein paar Fragen, die ich in Sitzungen dazu stelle:

  • Wo in deinem Arbeitsalltag ersetzt ein schneller digitaler Kontakt gerade ein Gespräch, das eigentlich fällig wäre?

  • Woran merkst du körperlich, dass du gerade präsent bist – und woran, dass du es nicht bist?

  • Welches Teammitglied hast du zuletzt wirklich zugehört, ohne parallel etwas anderes zu tun?


Aus der LSP-Praxis: In einem LSP-Workshop mit einem Führungsteam ging es zunächst nur um Rollenklärung. Erst als ein Teilnehmer sein Modell baute und dabei minutenlang schwieg, kam die eigentliche Spannung im Team zur Sprache – etwas, das in den vorangegangenen Video-Calls nie passiert war. Der fehlende Bildschirm war dabei kein Zufall: Er hat den Raum für das Schweigen erst geschaffen, das die Klärung ermöglichte.



Häufige Fragen

Was ist eine parasoziale Beziehung? Eine parasoziale Beziehung ist eine einseitige emotionale Bindung, die eine Person zu einer öffentlichen Figur (z. B. einer Influencerin) aufbaut, ohne dass diese die Bindung erwidert oder überhaupt davon weiß.

Wie hängen parasoziale Beziehungen mit Führung zusammen? Wenn Mitarbeitende gewohnt sind, Nähe über bequeme, einseitige Kanäle zu erleben, wird echte, wechselseitige Beziehungsgestaltung im Team anspruchsvoller – Führungskräfte müssen Präsenz aktiv gestalten, statt sie vorauszusetzen.

Was hat LEGO® Serious Play mit Präsenz zu tun? Die Methode arbeitet bewusst ohne Bildschirme und mit physischen Modellen – sie zwingt zu einer Form von Aufmerksamkeit und Zuhören, die sich von medial vermittelten, ablenkungsanfälligen Formaten unterscheidet.

 
 
 

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