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Pluralistische Ignoranz: Warum wir die Zustimmung anderer systematisch falsch einschätzen

  • Autorenbild: Claus Fesel
    Claus Fesel
  • 26. Juni
  • 4 Min. Lesezeit
Bild einer Frau die aus dem Fenster schaut eine Menge Menschen

Eine aktuelle Studie aus Bochum und Lüneburg hat etwas Erstaunliches gezeigt: Deutsche Politiker und Politikerinnen unterschätzen die Bereitschaft der Bevölkerung zum Klimaschutz dramatisch – über alle Parteien hinweg. Was mich daran fasziniert, ist nicht nur der politische Befund selbst. Es ist das zugrunde liegende Muster, das ich aus meiner Arbeit in und mit Unternehmen und Teams nur zu gut kenne.



Was die Studie konkret gezeigt hat

Ein Team um A. Timur Sevincer (Leuphana Universität Lüneburg) und Wilhelm Hofmann (Ruhr-Universität Bochum) hat 1.599 deutsche Politiker und Politikerinnen aus allen Parteien und allen Ebenen – Bundestag, Landtage, Kreis-, Stadt- und Gemeinderäte – befragt, wie sie die Zustimmung der Bevölkerung zu Klimaschutzmaßnahmen einschätzen. Diesen Schätzungen wurden zwei repräsentative Bevölkerungsbefragungen gegenübergestellt, eine davon mit rund 1.000 Teilnehmenden über das Marktforschungsinstitut Kantar.

Das Ergebnis: Bei der Akzeptanz von Klimaschutzgesetzen wich die Einschätzung der Politiker im Durchschnitt um etwa 27 Prozent von dem ab, was die befragten Bürger tatsächlich angegeben hatten. Noch deutlicher fiel die Fehleinschätzung bei der Bereitschaft aus, finanzielle Opfer zu bringen: Die befragten Politiker glaubten, dass lediglich 18 Prozent der Bevölkerung bereit wären, monatlich ein Prozent ihres Einkommens für wirksamen Klimaschutz abzugeben – tatsächlich äußerten aber 49 Prozent der Befragten genau diese Bereitschaft.



Besonders aufschlussreich: Der Effekt war parteiübergreifend nachweisbar. Mitglieder linker Parteien unterschätzten die Zustimmungsbereitschaft etwas weniger stark als Mitglieder konservativer Parteien, am stärksten war der Effekt bei der AfD ausgeprägt. Die Studie selbst betont, dass sich der Befund nicht auf einzelne Parteien beschränkt, sondern ein durchgängiges Muster über das gesamte politische Spektrum darstellt.

Die Originalstudie ordnet diesen Befund in die Forschung zur sogenannten pluralistischen Ignoranz ein – einem Phänomen, das bereits in anderen gesellschaftlichen Bereichen dokumentiert wurde, etwa bei der systematischen Unterschätzung der Zustimmung zu Geschlechtergerechtigkeit.


Was pluralistische Ignoranz eigentlich bedeutet

Pluralistische Ignoranz beschreibt eine kollektive Fehlwahrnehmung: Eine Gruppe glaubt mehrheitlich, eine bestimmte Haltung sei in der eigenen Gruppe weit verbreitet (oder eben nicht), obwohl die tatsächliche Verteilung der Meinungen ganz anders aussieht. Wichtig dabei: Es handelt sich um ein Gruppenphänomen, nicht um einen individuellen Irrtum einzelner Personen. Die Forschung kennt das Muster in zwei Richtungen – Menschen überschätzen beispielsweise oft, wie tolerant andere gegenüber exzessivem Alkoholkonsum oder aggressivem Verhalten sind, und unterschätzen gleichzeitig, wie verbreitet Zustimmung zu fortschrittlichen gesellschaftlichen Positionen tatsächlich ist.

Im Fall der vorliegenden Studie zeigt sich noch eine zweite, ebenso interessante Beobachtung: Auch die Bevölkerung selbst unterschätzt sich gegenseitig – allerdings deutlich schwächer als die befragten Politiker. Die Fehleinschätzung war in der politischen Sphäre also nicht nur vorhanden, sondern noch ausgeprägter als unter den Bürgern selbst.

Interessant ist auch, welche Maßnahmen am stärksten unterschätzt wurden. Bei reinen Informationskampagnen lagen die Politiker mit ihrer Einschätzung erstaunlich nah an der Realität. Erst bei Maßnahmen mit echter "regulatorischer Tiefe" – Steuern, Gesetzen, finanziellen Beiträgen – wuchs die Fehleinschätzung deutlich an. Eine mögliche Erklärung der Studienautoren: Entscheidungsträger könnten unbewusst dazu tendieren, genau jene Instrumente als unpopulär einzuschätzen, die am stärksten in bestehende Strukturen eingreifen würden – während sie bei den eher unverbindlichen Maßnahmen, die ihren eigenen Präferenzen näherkommen, zutreffender urteilen.


Die Brücke in den Unternehmensalltag

An dieser Stelle wird es für mich als Berater und Coach besonders spannend. Das Muster, das die Studie für die politische Sphäre nachweist, begegnet mir in ähnlicher Form regelmäßig in Unternehmen – wenn auch in kleinerem Maßstab und ohne den wissenschaftlichen Beweis, den diese Studie liefert.

Menschen beim Workshop

Drei Beobachtungen, die sich aus meiner Praxis mit der Studienlogik decken:

  • Geschäftsführungen unterschätzen die Veränderungsbereitschaft der eigenen Belegschaft. Gerade bei Nachhaltigkeitsthemen erlebe ich oft die Annahme, verbindlichere Ziele oder Maßnahmen würden auf Widerstand stoßen – bis ein Workshop oder eine Befragung das Gegenteil zeigt.

  • Laute Einzelmeinungen werden für Mehrheitsmeinungen gehalten. Wer in Meetings am deutlichsten widerspricht, prägt oft das Bild davon, "was alle denken" – obwohl die schweigende Mehrheit anders eingestellt ist.

  • Unverbindliche Maßnahmen werden überschätzt, verbindliche unterschätzt. Genau wie in der Studie zeigt sich auch im Unternehmenskontext häufig: Informationskampagnen traut man der Belegschaft eher zu als klare, verbindliche Zielvorgaben – obwohl Letztere oft auf mehr Akzeptanz stoßen würden, als angenommen wird.


Die praktische Konsequenz aus der Studie lässt sich gut übertragen: Wer wirksame Maßnahmen durchsetzen will, sollte die eigene Annahme über die Zustimmungsbereitschaft der Belegschaft regelmäßig an echten Daten überprüfen – durch Befragungen, durch offene Formate wie LEGO® Serious Play®, in denen tatsächlich jede Stimme im Raum sichtbar wird, oder schlicht durch das bewusste Nachfragen jenseits der lautesten Stimmen.


Was sich daraus ableiten lässt

Die Studie liefert keinen Freifahrtschein für Optimismus nach dem Motto "Klimaschutz ist eh schon mehrheitsfähig, also einfach machen". Die Autoren selbst weisen darauf hin, dass zwischen genereller Zustimmung und der Akzeptanz ganz konkreter Maßnahmen eine Lücke liegen kann – und dass zwischen Wollen und Handeln ohnehin oft eine tiefe Kluft besteht. Wer prinzipiell Klimaschutz unterstützt, ärgert sich womöglich trotzdem über den Tausch der eigenen Heizung.

Was die Studie aber sehr robust zeigt: Die Annahme, es fehle an Rückhalt für wirksame Maßnahmen, ist in vielen Fällen schlicht falsch – und genau diese falsche Annahme kann zur selbsterfüllenden Bremse werden. Wer aus Angst vor nicht existierendem Widerstand auf wirksame Instrumente verzichtet, verschenkt Veränderungspotenzial, das längst vorhanden wäre.


Für mich als Berater bleibt die zentrale Frage nicht "Wie überzeuge ich Menschen von Veränderung?", sondern oft eher: "Woher stammt eigentlich meine Annahme, dass diese Menschen nicht überzeugt sind?"


FAQ

Was bedeutet pluralistische Ignoranz? Pluralistische Ignoranz beschreibt eine kollektive Fehlwahrnehmung, bei der eine Gruppe systematisch falsch einschätzt, welche Meinung unter den eigenen Mitgliedern tatsächlich verbreitet ist.

Unterschätzen Politiker die Zustimmung zum Klimaschutz wirklich? Ja. Eine Studie mit 1.599 deutschen Politikern aller Parteien zeigt deutliche Unterschätzungen, besonders bei Gesetzen, Steuern und der Bereitschaft zu finanziellen Beiträgen.

Betrifft pluralistische Ignoranz nur die Politik? Nein. Das Phänomen ist auch aus anderen gesellschaftlichen Bereichen bekannt und lässt sich in ähnlicher Form auch in Unternehmen und Teams beobachten, etwa bei der Einschätzung der Veränderungsbereitschaft von Mitarbeitenden.

Wie lässt sich pluralistische Ignoranz in Unternehmen vermeiden? Durch echte Datenerhebung statt Annahmen – etwa Mitarbeiterbefragungen, offene Beteiligungsformate oder Methoden wie LEGO® Serious Play®, die auch leisere Stimmen im Raum sichtbar machen.

 
 
 

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